Rezső Seress

Das meist bekannte Werk des ungarischen Pianisten und Komponisten Rudolf Seress (geb. Rudolf Spitzer, 3. 11. 1899 – 11. 01. 1968) ist das berühmt-berüchtigte Lied Gloomy Sunday (Das Lied vom traurigem Sonntag; Szomorú Vasárnap). Zuerst wurde es 1933 unter dem Titel Die Welt geht unter (Vége a Világnak) veröffentlicht und wurde mit der Interpretation der Jazz-Sängerin Billie Holiday im Jahre 1941 auf einen Schlag weltberühmt.

Den größten Teil seines Lebens verbrachte Seres in Budapest und lebte in Armut. Wegen seiner jüdischen Abstammung wurde er in den Kriegsjahren in ein Arbeitslager geschickt. Nachdem er die Zwangsarbeit überlebt hatte, fand er im Zirkus Arbeit, und widmete nach einer Verletzung sein Leben der Musik. Er arrangierte zahlreiche Schlager, wie ’Fizetek főúr’ (Herr Ober, zahlen bitte) oder ’Én úgy szeretek részeg lenni’ (Ich mag so sehr betrunken sein), und komponierte der Kommunistischen Partei zum Neubau der Kettenbrücke das Lied ’Újra a Lánchídon’ (Wieder auf der Kettenbrücke).

Sein berühmtestes Lied verfasste er während seines Aufenthalts in Paris. Das Lied wurde verrufen, indem es mit mehreren Selbstmordfällen in Zusammenhang gebracht worden war. Der Text der Originalversion, Die Welt geht unter, galt der Zeit, in der Seress und der Textverfasser Pál Jávor gelebt hatten. Es war also keinesfalls ein Lied von der verlorenen Liebe, wie wir es heute kennen. Jávor brachte daher sein Missfallen zum Ausdruck, dass Gloomy Sunday zur Selbstmordhymne abgestempelt worden war.

„Wurde ich zum Dichter der Selbstmörder? Ich empfand es geradezu niederschmetternd, dass dies zum Schicksal des Liedes wurde. Um diesen Preis brauche ich den Erfolg nicht! In meiner Rastlosigkeit und infolge der mich angreifenden Artikeln kam ich langsam zum Glauben, dass ich der Mörder bin.”

Seress blieb sein ganzes Leben lang seiner Heimat treu; er fuhr nicht einmal in die Vereinigten Staaten, um die Autorenhonorare des weltberühmten Liedes in Empfang zu nehmen. Stattdessen spielte er im Lokal „zur kleinen Pfeife” (Kispipa vendéglő) Klavier, wo in der Mitte ein Ofen gestanden hatte, es im Winter aber trotzdem immer kalt gewesen war. Das Lokal war unter den Prostituierten, Musikanten, leichtfertigen Künstern und der jüdischen Arbeiterklasse beliebt.

Parallel zum langsamen Abnehmen seines Ruhmes und der Erschütterung seines Glaubens an der kommunistischen Partei geriet Seress immer mehr in Depression. Zu seinem Seelenzustand trug auch die Tatsache bei, dass seine Mutter die Zwangsarbeit im Gegensatz zu ihm nicht überlebt hatte. Rudolf Seress beging im Januar 1968 Selbstmord: er stürzte sich aus dem Fenster, was er zwar überlebt hatte, erhängte sich aber danach im Krankenhaus an einem Draht. In seiner Traueranzeige in der New York Times wird sein berüchtigtes Lied erwähnt:

“Budapest, der 13. Januar

Es wurde uns heute bekanntgegeben, dass Rudolf Seress, Verfasser des trauerliedartigen Schlagers sich selbst das Leben nahm. Die Behörden haben bestätigt, dass Mr. Seress sich vorigen Sonntag aus dem Fenster seiner Wohnung gestürtz hatte, kurz nach seinem 69. Geburtstag. Den 30er Jahren drückten die schwierige Wirtschaftskrise und die damalige politische Lage ihren Stempel auf, was zum zweiten Weltkrieg führte. Eine Zeile des melancholischen Liedes, das von Mr. Seress und seinem Freund, dem Dichter Pál Jávor verfasst wurde, lautet: „*Mein Herz und ich haben beschlossen, mit allem Schluss zu machen.” Das Lied soll für eine Welle von Selbstmorden gesorgt haben, weshalb es von den ungarsichen Behörden auch verboten wurde. Die englische Fassung wurde dem amerikanischen Publikum zuerst von Paul Robeson vorgestellt, deren Ausstrahlung bzw. Vortrag aber von einigen Rundfunkstationen und Lokalen ebenfalls abgelehnt wurde. Laut Mr. Seress sei sein Unglück mit dem Erfolg des Liedes nur gesteigert worden, da er gewusst habe, er könnte nie wieder mehr einen so großen Schlager komponieren.

— The New York Times, 13. Januar 1968

(*Anm.: Diese Zeile ist in der ungarischen Version nicht zu finden!)

Der Musikant wohnte im VII. Bezirk, unter Dob Str. 46/b.

Das Lokal Kispipa befindet sich im VII. Bezirk, unter Akácfa Str. 38.